Als die Wagenburg erfunden wurde

Was tun weiße Siedler im Hollywood-Western, wenn sie von Indianern angegriffen werden? Sie bilden eine Wagenburg. Das reale Vorbild wurde vor knapp 600 Jahren erfunden.
Nicht im Wilden Westen, denn auf das Festland der heutigen USA hatte bis dahin noch kein europäischer Entdecker einen Fuß gesetzt.
Die Wiege der Wagenburg stand in Südböhmen, in der Nähe der Ortschaft Sudoměř. Dort war Jan Žižka unterwegs, ein Anhänger des Reformators Jan Hus. Den wollten die Truppen des Kaisers Sigismund - fünf Jahre nachdem Jan Hus auf dem Scheiterhaufen in Konstanz geendet war, trotz vorheriger Zusage freien Geleits durch den Monarchen - in einem Kreuzzug zur Ordnung rufen. Das mißlang gründlich: Als Žižka die kaiserlichen Kavalleristen heranpreschen sah, ließ er die Wagen einen Halbkreis bilden.
Die noch freie Flanke wurde durch einen der in Südböhmen so häufigen Teiche abgedeckt. Die Reiter mußten absteigen. Zu Fuß waren sie in ihren schweren Panzern sehr unbeweglich und hatten keine Chance mehr. Dies war die erste einer Reihe von Niederlagen, die Žižka den fremden Invasoren zufügte. Seit einem Unfall in der Kindheit war der Feldherr mit nur noch einem Auge ausgestattet (daher der Name, es ist das tschechische Wort für ‚einäugig’). In einem späteren Gefecht büßte Žižka durch einen Scharfschützen das zweite Auge ein. Seiner Kriegskunst trat das keinen Abbruch. Žižka verlor kein einziges Gefecht gegen Sigismunds Truppen, und die erfolgreiche Wagenburg-Taktik kam noch sehr häufig zum Einsatz.