Reitzenhain gibt es schon lange, sowohl in Böhmen als auch in Sachsen. Auch ein Zollamt existierte hier schon zu früheren Zeiten und eine Straße. Nicht irgendeine - die gab es in jedem Ort - sondern eine sehr bedeutende.





Ein Ausflug in die Geschichte Reitzenhains

Die Straße, die wir meinen, ist nicht die B174. Diese ist nur ein winziges Teilchen in dem Band, das sich schier endlos durch Europa zog. Es begann in Hamburg, wandte sich von Nord nach Süd, vorbei an den damals bekanntesten Handelsorten und Marktflecken - auch Leipzig gehörte dazu - um in der Mitte des Erzgebirges einen Paß nach Süden zu finden. Von dort aus ging der Weg weiter via Prag, um irgendwann in Venedig zu enden.

Die Rede ist von der Salzstraße, manchmal auch die Hohe- oder Kärnerstraße genannt. Das Salz, zu dieser Zeit eines der wichtigsten Handelsgüter, aber auch anderes Hab und Gut wurden auf diesem Weg in aller Herren Länder transportiert.

Das Reisen und Handeln machte müde und durstig. Nehmen wir also an, daß dies zur Gründung des Ortes Reitzenhain geführt hat.

Diese Annahme kann allerdings nicht beweisen werden. Das älteste Haus im Ort soll jedenfalls die ehemalige Ausspanne sein. Sie liegt unmittelbar am alten Grenzübergang und diente als Restauration für Mensch und Pferd.

Um überhaupt dorthin zu gelangen mußten bereits vorher weitere Pferde vor die schweren Transportwagen gespannt werden. Nur so war der Anstieg auf ca. 780 Meter über dem Meeresspiegel zu bewältigen.

Ein Gedenkstein erinnert noch heute an die Mühsal von Fuhrmann und Gaul.

Die wenigen Zeitzeugen, die uns geblieben sind, befinden sich im tschechischen Staatsarchiv. Die Urkunde des Böhmischen Königs Wenzel IV, welcher uns Nachgeborenen Kunde von der "Straße gen Meißen, die do get vor die stat Comotow gen Grimow vor Reiczenstein..." gibt, ist die erste urkundliche Erwähnung jenes Ortes, der dem Zollamt seinen Namen gegeben hat. Dabei handelt es sich ausgerechnet um ein Verkehrsverbot, das auf das Jahr 1401 datiert wird.

Durch Reitzenhain ging die Grenze zwischen dem Königreich Böhmen und dem Kurfürstentum Sachsen, und zu Zeiten fand man sich unter dem Dach des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zusammen. Aber ob Verwaltungsgrenze oder Staatsgrenze - eine Grenze gab es hier immer. In Friedenszeiten scheint ihre Bedeutung eher gering gewesen zu sein. Aus historischen Quellen wissen wir zum Beispiel, daß 1521 der Grenzverkehr über Marienberg umgeleitet wurde.

Von Historikern und Chronisten wird die Grenze jedoch hauptsächlich in den Zeiten des Umbruchs erwähnt; so als 1602 ein Heer des Herzogs von Braunschweig mit 1'000 Reitern und 2'000 Mann zu Fuß über den Reitzenhainer Paß zog.

Im Jahre 1631 erhielten 1'500 kaiserliche Soldaten freien Abzug über Reitzenhain nach Böhmen, nachdem sie in Leipzig geschlagen wurden. Daraufhin wurde in den Folgejahren der Paß von den Soldaten Seiner Kaiserlichen Majestät verhauen, oder befestigt, wie wir zu sagen pflegen. Viel scheint es nicht genützt zu haben, denn bereits kurze Zeit später zog ein kroatisches Kontingent des Heerführers Wallenstein durch das Land, und eine neue Schanze wurde errichtet. 30 Jahre sollte der Krieg währen, in welchem sich deutsche Lutheraner und Schweden mit deutschen Katholiken befehdeten. Die Tschechen steckten mittendrin. Die Franzosen, selbst Katholiken, unterstützten die Schweden. Als alle kriegführenden Parteien zu schwach waren, um noch übereinander herzufallen, überschritten die Franzosen die Grenzen im Westen. In Folge der Kriegswirren ergoß sich ein Zug von 150'000 Menschen aus Böhmen nach Sachsen. Es waren Flüchtlinge, die der Zukunft in der alten Heimat mit Besorgnis entgegensahen.

Lassen Sie uns einen kleinen Sprung nach vorn machen. Wir schreiben das Jahr 1700. Der König von Polen und Kurfürst in Sachsen hat gerade eine neue "General Accise Ordnung" eingeführt: Wegzölle, Steuern und Maut sollen nach einem einheitlichen System erhoben werden.

Ob diese Steuergerechtigkeit der im Jahr 1711 eingerichteten 1. Fahrpost recht gewesen sein mag? Wer weiß. Wir wissen, daß dieses Gefährt die "Prager Kutsche" genannt wird, da sie zwischen Chemnitz und Prag verkehrt - über Marienberg und die Grenzstation Reitzenhain. Der Interregio unserer Altvorderen sozusagen.

In dieser Zeit ist es alles andere als leicht, durch das Gebirge zu reisen. Räuber machen die Gegend unsicher und rauben alles aus, was ihnen vor das Terzerol läuft. In den Gebirgsdörfern Satzung, Reitzenhain und Kühnhaide raubt und mordet die "Bande des dürren Schneiders" über Jahre hinweg. Man schreibt das Jahr 1755, als Graf Heinrich von Brühl einen Sonderkommissar einsetzt. Der bringt die Übeltäter endlich zur Strecke und übergibt sie in Wolkenstein dem Scharfrichter.

Im Jahr 1757 machen uns die Herren Chronisten darauf aufmerksam, daß wieder Krieg ist. Die Fackel geht erneut durchs Land und auch an unserem ansonsten wahrscheinlich eher beschaulichen Grenzdorf nicht vorbei. Die Kaiserin Maria Theresia hat Streit mit ihrem Bruder, dem König von Preußen. Unter Prinz Moritz zieht ein Heer von 30'000 Soldaten über den Paß in Richtung Komotau.

Aber 1760 ist das Heer Habsburgs zurück. Es besetzt den Paß und requiriert Lebensmittel, denn auch Soldaten haben Hunger. Über weitere "Kolateralschäden" schweigen die Quellen.

Am 26.09.1779, einem denkwürdigen Tag, besucht Kaiser Joseph II auf einer Reise, welche über Kallich führt, auch Reitzenhain - ein Besuch bei dem treuen Verbündeten Sachsen, mit dem das Haus Habsburg schon einige Kriege verloren hat.

Anno 1782 gibt es Erfreuliches aus dem Bereich der Wirtschaft zu verzeichnen. Ein "neuer Postcurs" (Prag - Sebastiansberg - Leipzig) wird eingerichtet, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird die von Marienberg in das Gebirge heraufführende Straße als Chaussee bis zum alten Zollamt ausgebaut.

Trickreich nutzten Räuber und andere zwielichtige Gestalten die günstige Verkehrsanbindung nach Böhmen als Rückzugsmöglichkeit und Verkaufsort für Hehlerware aus. Wildschütze durchziehen die Gebirgswälder, das erlegte Wildbret wird nach Böhmen gebracht und dort an Gasthäuser weiterverkauft.

Eine Ausnahmeerscheinung unter diesen Gesellen ist dabei Karl Stülpner, der seine Jagdbeute auch mit Armen teilt, um deren schlimmste Not zu lindern. Die überlieferte Geschichte der Rettung einer Postkutsche vor Räubern auf der Straße von Marienberg nach Reitzenhain durch den Stülpner Karl ist sicher den meisten Lesern bekannt.

1813 - schon wieder ist Krieg. Kaiserliche Jäger ziehen über den Paß und vertreiben die Franzosen aus Marienberg.

Nach dem Wiener Kongreß im Jahre 1815 sieht man am Himmel das Wetterleuchten einer Zeit, welche noch unsere Großväter die "gute alte Zeit" nannten.

Durch die Gründung des deutschen Zollvereins 1834 wird die Behinderung des Wirtschaftsverkehrs durch Zollschranken innerhalb Deutschlands aufgehoben, Einfuhrzölle erhoben und der Ausbau des Verkehrsnetzes vorangetrieben. Der wirtschaftliche Aufschwung ist überall zu spüren.

Auch in Reitzenhain, diesseits und jenseits des Baches, stehen an einem Zollamt oder Schilderhaus Beamte in für den Zeitgeschmack schicken Uniformen, angetan mit den Bärten der jeweils regierenden Monarchen.

In jener Zeit werden Begriffe geprägt, die aus dem Sprachgebrauch, insbesondere der älteren ortsansässigen Bevölkerung, nicht mehr zu tilgen sind. So sind Zöllner "Finanzer", ein Zollamtsvorsteher ist ein "Zolleinnehmer", und es wird nicht geschmuggelt, sondern "gepanscht". Was vor den Augen der Obrigkeit verborgen wird? Tabak natürlich! Aber hauptsächlich Lebensmittel. Denn nicht Gewinnsucht, sondern die Armut treibt viele dazu, die Zollgesetze sozusagen etwas großzügig auszulegen.

Einfach ist es für die hier lebende Bevölkerung zu keiner Zeit gewesen. Die Kriege haben wir schon erwähnt, dazu karge Böden, eine Witterung, welche nur zwei Jahreszeiten kennt: Winter und strengen Winter; und die Pest tut das ihrige.

Am 28.08.1875 erfährt der kleine Ort an der Grenze einen ungeahnten Aufschwung. Es ist Gründerzeit. Reitzenhain bekommt einen Bahnhof und eine Bahnlinie. Sie beginnt in Chemnitz, passiert in Reitzenhain die Grenze und führt weiter nach Komotau.

Man kann sagen, jetzt haben wir ein Tor zur Welt. Tore zur Welt sind etwas Schönes. Durch das Tor kommt Eisenerz aus Böhmen, und die Bartholomäusfundgrube muß schließen, weil böhmisches Eisen billiger ist als das einheimische. Die Schlußfolgerung kann nur sein, daß durch Zollorgane zwar Warenströme kanalisiert, nie aber gehemmt werden.

Übrigens besitzt unser kleiner Ort in jenen Tagen sogar zwei Grenzübergänge. Der zweite befindet sich an der Reißigmühle und besitzt kein festes Amtsgebäude. Die Beamten kommen vom nahegelegenen Zollamt.

Unser kleiner Bach bildet zu jener Zeit die Grenze zwischen dem Deutschen Kaiserreich von 1870/71 und der KuK Donaumonarchie. Die Erzgebirgler beiderseits der Grenze fühlen sich aber seit jeher eng verbunden: Am 03.02.1898 gründet sich auch in Böhmisch-Reitzenhain ein Erzgebirgszweigverein.

Der Erste Weltkrieg ist zu Ende. Am 29.12.1918 wird in der deutschen Gemeinde Reitzenhain ein "Weisenrat" gegründet. Diesem Ortsvorstand gehören neben dem Lehrer auch der Zollaufseher und ein Assistent an.

Im März 1919 sinken die deutsch-tschechischen Beziehungen auf einen Nullpunkt. Im unweit gelegenen Städtchen Kaden schießt tschechische Polizei in eine Menschenmenge, welche für die ihr zugesicherten Minderheitenrechte demonstriert. Es sind die deutschen Einwohner der Stadt.

Es folgen die Jahre der großen Weltwirtschaftskrise. Diesseits und jenseits der Grenze sind die Menschen davon betroffen, Deutsche und Tschechen. Selbstverständlich wird gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten "gepascht", und der Zoll hat auf beiden Seiten alle Hände voll zu tun.

1924 werden für den Handel die Weichen auf Liberalisierung gestellt, das für die Reitzenhainer Straße bis dahin erhobene Wegegeld gestrichen.

Im Jahr 1938, in Deutschland ist inzwischen die 1. Republik vom Dritten Reich abgelöst worden, besetzen deutsche Truppen das Sudetenland, später wird der Reststaat Tschechei zerschlagen.

Keine Grenze mehr. Alles gut? Vor allem die Tschechen werden diese Zeit in anderer Erinnerung haben. Sie hatten nach dem Ersten Weltkrieg gerade die Selbständigkeit erhalten und auch schon wieder eingebüßt. Wer sich zur Wehr setzt, hat mit Zwangsarbeit, Inhaftierung und Todesstrafe zu rechnen. Dies gilt insbesondere nach dem Attentat auf den Leiter des Reichssicherheitshauptamtes Heidrich, der auch Reichsprotektor von Böhmen und Mähren ist. Es herrscht offener Haß.

Nach der bedingungslosen Kapitulation schlägt der Haß auf die deutschen Besatzer um - in Form von Gewalt gegen alles Deutsche. Die deutschen Einwohner von Böhmisch-Reitzenhain müssen den Ort verlassen. Die Nachricht erhalten sie nur Stunden davor. Ein paar Kilogramm Gepäck sind erlaubt, Wertsachen und Gegenstände, die an die Heimat erinnern, nicht. Auf dem Bahnhof der deutschen Ortschaft Reitzenhain treffen Züge ein. Die Insassen hängen Plakate auf. Es sind Suchanzeigen nach Familienangehörigen, einige bleiben erfolglos bis zum heutigen Tag. Die Häuser von Böhmisch-Reitzenhain werden eingeebnet. Mancher schaut mit Tränen in den Augen von deutscher Seite zu, wie sein Elternhaus planiert wird.

Danach herrscht Stille in den deutsch-tschechischen Beziehungen. Grenze? Ja doch, die gibt es noch, Zollämter allerdings keine mehr. Waren werden nicht ausgetauscht, und Reiseverkehr gibt es auch keinen mehr. Die Grenze ist dicht. Nur des Nachts bemerkt man hin und wieder Bewegung. Es sind Deutsche, die als Wiedergutmachung Zwangsarbeit leisten müssen und zu ihren Familien fliehen. In den meisten Fällen heißt ihr Ziel Westberlin. Tschechische Polizei und deutsche Volkspolizei machen Jagd auf sie. Unter den Fluchthelfern befinden sich auch Einwohner aus den Grenzgemeinden.

Erst im Laufe der 50er Jahre wird die Grenze zwischen der DDR und der ČSSR durchlässiger. Man hat sich hinter dem eisernen Vorhang eingerichtet, glauben die Regierenden vieler sozialistischer Länder.

Doch im Nachbarland regt sich etwas. Hierzulande nennt man es den Prager Frühling. Auch in Reitzenhain hören die Menschen mit Hoffnung im Radio vom "menschlichen Antlitz des Sozialismus".

Solange, bis russische Panzer nach dem 21.08.1968 mit rasselnden Ketten über die alte Grenzbrücke fahren. Auch für manchen Deutschen zerbricht die Hoffnung an jenem Tag.

In dieser Zeit gibt es fünf Grenzübergänge in das Nachbarland. Es sind Seifhennersdorf, Schmilka, Zinnwald, Oberwiesenthal und Schönberg. Wie durch ein Nadelöhr kriechen die Ströme an Urlaubern, Dienstreisenden und Lastkraftwagenfahrern durch die vorhandenen Ämter. Es wird wieder gehandelt und gereist.

1972 vereinbaren die DDR, die ČSSR und die Volksrepublik Polen die Einführung des paß- und visafreien Verkehrs. Viele Menschen nutzen diese Erleichterung, bereits 1972 sind es 23,6 Millionen Bürger der drei Länder, die ihre Nachbarn besuchen. Die Zunahme des Reiseverkehrs übertrifft alle Erwartungen. Die vorhandenen Grenzübergänge genügen nicht mehr, es werden dringend neue benötigt.

Die Zollverwaltung der DDR hatte in der Zwischenzeit einen kleinen Wandel erfahren. Nicht mehr das Finanzministerium ist Dienstherr der Zollbeamten, sondern das Außenhandelsministerium.

Wurden früher alle anfallenden Tätigkeiten durch Zollbeamte erledigt, Waren abgefertigt und Pässe geprüft, sind für die Paßkontrolle nun die Grenztruppen der DDR zuständig.

Ende 1972 führen Mitarbeiter der Bezirksverwaltung Dresden der Zollverwaltung der DDR eine Begutachtung des gesamten Grenzabschnitts zur ČSSR durch. Sie sollen neue Standorte für einen zusätzlichen Grenzübergang prüfen. Ihre letzte Besuchsstation ist am 22.12.1972 Reitzenhain bei dichtem Schneetreiben. Doch die Wetterunbilden können die Teilnehmer von einem positiven Urteil nicht abhalten.

Es wird aber noch sechs Jahre dauern, bis der neue Grenzübergang steht.





Die Geschichte des Grenzübergangs Reitzenhain - Hora Svatého Šebastiána

Bevor in Reitzenhain ordentlich geprüft und gefahndet werden kann, gibt es noch eine Menge Arbeit. Am 02.01.1977 ist Baubeginn. Das Zollamt befindet sich inmitten eines Hochmoorgebietes, 55'000 m2 Torf, teilweise bis in eine Tiefe von vier Metern, werden abgetragen, um festen Baugrund zu finden. In der 22 Monate währenden Bauzeit gibt es nur 21 Tage Sonnenschein - Reitzenhainer Wetter eben.

Am 06.10.1978 ist es soweit: Das Zollamt Reitzenhain - Hora Sv. Šebastiána wird feierlich eröffnet. Zu den geladenen Gästen gehören unter anderem die stellvertretenden Verkehrsminister der DDR und der ČSSR, die beiden Leiter der Zollverwaltungen, die Leiter der Paßkontrolle beider Staaten und der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt.

Nach der offiziellen Eröffnung dürfen auch die Einwohner Reitzenhains den Amtsplatz zu Fuß erkunden.

Das neue Zollamt wurde ausschließlich für den Reiseverkehr gebaut und liegt verkehrsgünstig. Bereits im Jahr 1986 wird der 2'000'000. Reisende gezählt.

Es wird kontrolliert. Die Prämissen waren damals andere als heute:

Hochsubventionierte Waren (Kinderbekleidung), Konsumgüter (Textilien, Schuhwaren, Tapeten, Fotozubehör) und Lebensmittel, die zumeist erst importiert werden mußten (Backzutaten, Gewürze, Zucker) waren zur Ausfuhr nicht erlaubt.

Ein Schwerpunkt war die Suche nach Valutawährungen, eine weitere wichtige Sache die Bekämpfung ausländischer Agententätigkeit und staatsfeindlicher Umtriebe. So waren beispielsweise in der Einfuhr das Mitführen von Funksende- und -empfangsanlagen, visuell nicht lesbaren Ton-, Daten- und Informationsträgern sowie topographischer Karten und der sogenannten "Schund- und Schmutzliteratur" verboten. Dieses Verbot erstreckte sich auch auf sämtliche Zeitungen, Zeitschriften und Schallplatten aus den nichtsozialistischen Ländern.





1989 - Das Jahr, in dem die Wende eingeleitet wird.

Ungarn hat den eisernen Vorhang geöffnet. Für viele DDR-Bürger führt der Weg dorthin über das Zollamt Reitzenhain. Es wäre falsch zu verschweigen, daß die Zahl der Verhaftungen in den Sommermonaten drastisch zunahm. Auslöser war oft ein Zeugnis, ein Diplom oder ein Meisterbrief im Gepäck, Indiz für den Tatbestand der "Republikflucht".

In Reitzenhain gibt es keine Demonstrationen, aber mancher Reitzenhainer wird in den nahe gelegenen Städten Marienberg und Olbernhau dabeigewesen sein. Der Ruf "Wir sind das Volk!" beendet wieder einmal einen Abschnitt in unserem Leben. Warum nicht, wenn alle Macht vom Volke ausgeht. Was bleibt, ist die Straße und unser Amt.





3. Oktober 1990 - der Wachwechsel

Die Zollverwaltung untersteht jetzt dem Bundesfinanzministerium. Die Paßkontrolleinheit gibt es nicht mehr, deren Aufgaben übernimmt der Bundesgrenzschutz.

Die Zollbeamten haben ihr Augenmerk von der Ausreise- auf die Einreisespur verlagert.

Schwerpunkt ist nun die Suche nach "hochsteuerbaren Waren". Damit sind Alkohol, Zigaretten und Treibstoff gemeint. Ein neues Problem, bis dato in unserer Gegend unbekannt, ist die Einfuhr von Suchtgiften unterschiedlichster Art. Ein Teil davon wird in illegalen Labors in tschechischen Städten am Fuß des Gebirges aufgekocht.

Auch Souvenirs der besonderen Art werden durch den Zoll verstärkt gefunden: geschützte tropische Reptilien, exotische Schmetterlinge, Jagdtrophäen und in kleinen Kisten zusammengepferchte Singvögel und Exoten, zum Teil in nicht unerheblichen Mengen.

Neu ist auch, daß jetzt Zollstreifen an der "grünen Grenze" postieren und in Amtshilfe des Bundesgrenzschutzes tätig werden. Dort gelingt es den Beamten in beachtlichem Maß, Personen festzustellen, welche ohne Grenzübertrittspapier und Visum "durch die Hintertür" einzureisen versuchen. Nicht alle sind kriminell, nicht alle werden in ihrer Heimat verfolgt. Viele kommen, um auch ein wenig vom privaten Wohlstand und den Freiheiten der westlichen Hemisphäre zu profitieren.

Durch neue Transportmittel, immer schnellere Medien, wir nennen es Globalisierung, sind wichtige Ereignisse der Zeitgeschichte in kürzester Zeit auch in unserem kleinen Grenzdorf spürbar. Vielen werden noch die langen Wartezeiten und Intensivkontrollen in Erinnerung sein, die nach den Anschlägen von New York durchgeführt wurden. Als in Holland die Maul- und Klauenseuche ausbrach, gab es Desinfektionsmaßnahmen, bei denen sich alle Reisenden die Füße auf einer Seuchenmatte abtreten mußten.

Es gibt noch einige solcher Ereignisse. Die meisten vergißt man schnell, und in Erinnerung behält man lieber einen schönen Urlaub oder gelungenen Tagesausflug ins Nachbarland.

Seit Ende 1990 gibt es in Reitzenhain auch LKW-Abfertigungen im "kleinen Grenzverkehr". Der Warenverkehr soll zu einer Belebung des Handels und damit der Wirtschaft in der Grenzregion beitragen.

Im Sommer 1989 wird die Grenzbrücke auf der tschechischen Seite erneuert. Das Zollamt muß für drei Monate schließen.

Das Zollamt zieht um: In Deutschkatharienberg wird die Grenzbrücke geöffnet. Alle beteiligten Seiten improvisieren und ermöglichen so, daß der regionale Warenverkehr weiter rollen kann.

Für die neuen Aufgaben ist unser Zollamt langsam schon zu alt geworden.

1998 / 1999 beginnen umfangreiche Baumaßnahmen mit der Erneuerung der Abfertigungscontainer für den deutschen und tschechischen Zoll, den Bundesgrenzschutz und die tschechische Polizei.

In den Jahren 2001 bis 2003 wird das Zollamt für rund 1,3 Millionen Euro erweitert und umgebaut. Wärmedämmung der Gebäude, Heizung, sanitäre Einrichtungen, Elektroanlagen werden zeitgemäß modernisiert. Dadurch verbessern sich nicht nur die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten des Zollamtes, durch den Abriß der alten Abfertigungstrakte wird der Abfertigungsbereich auf dem Amtsplatz geräumiger.

Kaum sind die Bauarbeiten abgeschlossen - nur die Erneuerung des Straßenbelags steht noch aus - wird der neugewonnene Raum dringend benötigt.





August 2002 - die Jahrhundertflut

Reitzenhain erreicht das Wasser nicht, wenig später aber eine Welle von Lastkraftwagen, die von Altenberg hierher umgeleitet werden. Innerhalb von 2 Tagen wird der Grenzübergang für den internationalen Warenverkehr fitgemacht - ein Kraftakt für alle.







Nun sind wir fast am Ende unserer Geschichte. Lediglich die Erneuerung des Fahrbahnbelages konnte bis zu unserem 25jährigen Jubiläum im Jahre 2003 nicht abgeschlossen werden.

Wir sind für die Zukunft also bestens gerüstet. Finanzer und Zollämter wird es in Reitzenhain dann keine mehr geben, denn die Tschechen haben sich für einen Beitritt zur Europäischen Union entschieden. Vorerst werden die Beamten des Bundesgrenzschutzes noch vor Ort sein und in wenigen Jahren, nach dem Erfüllen der Schengen-Kriterien, auch gehen.

Bleiben wird die Grenze, allerdings für die Reisenden und Handelstreibenden kaum noch spürbar. Was ganz bestimmt bleibt, ist die Straße. Das lange Band, welches uns mit der Welt verbindet. Es hat Arbeit und einen bescheidenen Wohlstand in den kleinen Gebirgsort Reitzenhain gebracht.

Nicht ganz ohne Wehmut werden die "Finanzer", "Zolleinnehmer" und sonstigen Bediensteten am Grenzübergang Reitzenhain - Hora Svatého Šebastiána im Mai 2004 Lebewohl sagen.