Manchmal bleibt man besser zu Hause.

Wer aber doch das Risiko eingehen möchte zu verreisen, der sollte sich vor der Abfahrt die Erfahrungen anderer Reisender genauestens verinnerlichen...

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Jeder Bewohner dieses Landes besitzt mindestens einen Koffer, doch die wenigsten wissen, wie man damit korrekt umgeht. Dabei muß man sich nur gewisse physikalische Gesetze klarmachen. Der leere Koffer ist mit einer bestimmten Menge Luft gefüllt. Viele glauben, es käme darauf an, die Luft durch möglichst viele Kleidungsstücke zu verdrängen, so daß sich am Ende kein Sauerstoff, aber viel Garderobe darin befindet. Das führt dazu, daß viele Kleidungsstücke unter Atemnot leiden und sehr schnell altern. Nicht umsonst sind Oberhemden und Blusen total faltig, wenn man sie aus dem Koffer zieht. Ein paar Minuten länger, und sie wären tot gewesen. Hier empfiehlt sich, den Koffer alle zwei Stunden kurz zu öffnen, damit die Kleidung Luft holen kann.
Dringend notwendig erscheint auch die Einführung eines Kofferführerscheins, denn ihn unfallfrei durch Straßen, Flughäfen oder Bahnhöfe zu rangieren ist keine angeborene Fähigkeit, sondern Übungssache. Kaum jemand trägt seinen Koffer noch selbst, man zieht ihn für gewöhnlich hinter sich her. Und da beginnen die Probleme. Wer mit einem Anhänger am Straßenverkehr teilnehmen will, braucht eine Spezialgenehmigung, der Kofferzugmaschinist aber zerrt seinen Appendix führerschein- und gnadenlos durch Kleinkindergruppen und arglos fotografierende Japaner, schneidet älteren Damen den Weg ab oder verkeilt sich beim Überholen in den Rollkoffer eines anderen.
Das Manövrieren im überfüllten Großraumwagen will genauso gelernt sein wie das Verstauen in der Gepäckablage. Ein paar Runden auf dem Verkehrsübungsparcours könnten Wunder wirken, inklusive Rückwärtsein- und -auspacken und Anrollen am Berg.
Der Rollkofferführer ist ja nichts anderes als der Nachfahre des "Fußgängers mit Handkarren", der früher aus keinem Prüfungsbogen wegzudenken war und niemals Vorfahrt hatte. Deshalb ist er wahrscheinlich ausgestorben. Bevor man die Prüfung ablegen kann, sollte man übrigens lernen, welche Lärmbelästigung ein Rollkoffer darstellt. Der Klang seiner quietschenden Rollen auf nächtlichem Kopfsteinpflaster gehört zu den penetrantesten Ruhestörungen in der Großstadt, vor allem wenn zwei Minuten später noch eine schlaflose Nordic Walkerin über das Pflaster stöckelt. Beides zusammen könnte eine neue Trendsportart ergeben: Nordic Suitcasing.

In Hotelbadezimmern begegnet man immer einem Schild, das zum verantwortungsvollen Umgang mit dem Handtuch auffordert. "Handtuch auf dem Boden heißt: Bitte auswechseln – Handtuch am Haken: Ich will es behalten." Dazu informiert ein mahnender Text unter der Überschrift: "Wußten Sie, wie viele Millionen Tonnen Handtücher auf der ganzen Welt jeden Tag gewaschen werden?" An einen Handtuchhalter werden inzwischen größere Anforderungen gestellt als an einen Auto- oder Hundehalter. Jedem, der nur mal eine Nacht im Hotel verbracht hat, dürfte klar sein, daß vom Hotelhandtuch das Überleben der Menschheit abhängt.
Hat man einmal ein Handtuch nicht korrekt auf der Halterung, plaziert, und ein Zipfel berührt den Boden, ist es – schwupp – weg und die Umwelt bricht ächzend zusammen. Es ist mit Sicherheit ein Fehler, daß weder in Kyoto noch in Bali über Handtücher geredet wurde. Denn in erster Linie muß man den Ausstoß von Handtüchern vermeiden. Die Weltmeere werden von Algen erstickt, der Erdboden aber wird schon bald von Hotelhandtüchern bedeckt sein, die jeden Morgen eingesammelt und auf das umweltschädlichste gereinigt werden.
Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht tobt in Wirklichkeit ein Kampf zwischen der Hotellerie und einer skrupellosen Hotelhandtuchmafia, die ihre Handtuchhandlanger in jede Hotelzimmernaßzelle schickt, um den Frotteestoff anschließend mit Waschpulver und Weichspüler in grotesker Überdosierung zu reinigen. Sehen die Helfershelfer ein Handtuch auf dem Boden liegen, sammeln sie es tückisch grinsend ein. Deshalb werden die Handtücher vor der Dusche und dem Waschbecken auch täglich ausgewechselt, weil sie natürlich immer auf dem Boden liegen, was einerseits ihre Natur, andererseits das Signal für die Handtuchmafia ist, die Dinger einzukassieren.
Ich bin in Hotels immer extrem vorsichtig mit Alkohol, denn ich habe Angst, im Badezimmer zusammenzubrechen und am nächsten Tag, umgeben von Hunderten von Handtüchern, in einer riesigen Waschmaschinentrommel aufzuwachen, wo ich gerade weichgespült werde. Alles, was im Badezimmer auf dem Boden liegt, wird gnadenlos eingesammelt und bei 110 Grad saubergekocht. Ein kleiner Tipp: Sollten Sie größere Bargeldmengen zweifelhafter Herkunft besitzen, lassen Sie die Bündel doch einfach in ihrem Hotelbadezimmer auf dem Boden liegen, dann wird das Geld automatisch gewaschen.

 

Ich beantrage hiermit ein uneingeschränktes, absolutes, weltweites und unwiderrufliches Fotografier- und Telefonierverbot vor, in und hinter Sehenswürdigkeiten. Es tritt in Kraft, sobald mehr als drei Menschen an einem Fleck versammelt sind, und die Fotografierverbotszone gilt im Umkreis von drei Kilometern. Sie verlangen eine Begründung? Dann betreten Sie beispielsweise an einem normalen Werktag das Musée d’Orsay, und versuchen Sie, einen Blick auf die Seerosen von Monet zu werfen. Es wird Ihnen nicht gelingen, weil Scharen von Touristen mit dem Rücken zum Bild stehen und sich dabei fotografieren lassen, um beweisen zu können, daß sie vor den Seerosen gestanden haben. Das Foto verschicken sie als MMS und rufen sofort den Empfänger an, um sich zu erkundigen, ob er das Bild gesehen hat. Oder der Empfänger ruft an und fragt, ob der Pete, der Horst, die Denise oder der Chang tatsächlich gerade vor dem "crazy french stuff" stehen.
Um sich ein Kunstwerk ungestört anschauen zu können, muß man es wohl oder übel kaufen. Die spektakulärsten Kunstdiebstähle der letzten Jahre gingen alle auf das Konto von entnervten Menschen, die sich wenigstens ein paar Wochen lang in Ruhe einen van Gogh, Rembrandt oder Monet anschauen wollten. Große Sehenswürdigkeiten wie Stonehenge, der Eiffelturm oder die Pyramiden von Gizeh sind mit bloßem Auge noch relativ gut zu erkennen, trotzdem sollte auch hier aus grundsätzlichen Erwägungen ein Fotografierverbot gelten.
Wer unbedingt Bilder von seiner Reise mitbringen möchte, muß sie entweder im Andenkenladen kaufen oder einen Landschaftsmaler in seine Dienste nehmen. Das wurde früher auf jeder Expedition gemacht und hat sich bewährt. Viele Entdecker und Forscher hatten Maler dabei oder zeichneten selbst, und diese Bilder betrachtet man heute noch gerne. Im Gegensatz zum digitalen Müll, der gigabyteweise produziert wird. Außerdem kann der Maler sofort den perfekten Ausschnitt wählen oder herstellen.
Während sich ein Fachmann um das Abbilden von sehenswürdigen Landschaften oder Bauwerken kümmert, hat der Reisende endlich Zeit und Raum, sich die Welt ungestört selber anzuschauen und auf sich wirken zu lassen, ohne sich ständig beim Weltanschauen fotografieren lassen zu müssen. Wer unbedingt noch fotografieren will, kann die Verbotsschilder knipsen und sich dabei von seinem Reisemaler porträtieren lassen. Dieses Bild verschickt er dann nicht per Handy, sondern beschreibt es ausführlich in einem wohlformulierten Brief. Das muß doch wohl möglich sein.

 

Während ich mir zu Hause unter Hightech-Einsatz mit allerlei Spezialbürsten den Mundraum reinige, kommt unterwegs ein höchst zweifelhaftes Objekt namens Reisezahnbürste zum Einsatz. Das ist jedenfalls die Bezeichnung, unter der die Bürste in meiner Familie firmiert. Es kommt mir eher unwahrscheinlich vor, daß die Reisezahnbürste in diesem Jahrtausend gekauft wurde, wenn ja, dann ganz zu Anfang, als man noch mit D-Mark bezahlen konnte. Wahrscheinlicher aber ist, daß die Bürste mindestens die DDR erlebt hat. Besagtes Instrument ruht weltvergessen in einem von meinem Sohn im Waldorf-Kindergarten getöpferten Gefäß in einer schlecht beleuchteten Ecke des Bades und wartet auf ihren Einsatz.
Irgendwann wird sie dann vollkommen überstürzt, weil das Taxi schon wartet, in ein geschmacklos gemustertes Reisenecessaire geworfen, das ich immer mit hochrotem Kopf bei der Gepäckdurchleuchtung ausleere, und dann hat die Bürste ihren großen Auftritt in einem luxuriösen Hotelbadezimmer in Arosa oder Teneriffa. Und irgendwie sehe ich sie dann zum ersten Mal wirklich, und ich begreife: allein die Anwesenheit meiner Zahnbürste senkt den Wert der Immobilie um 25 Prozent.
Seit Jahren starre ich in den Hotels dieser Welt erschüttert auf diese erbarmungswürdige struppige Erscheinung und schwöre mir, sobald ich zu Hause bin, eine neue mit allen Schikanen zu erwerben. Denn ihre Borsten sind eingebettet in eine zentimeterdicke Schicht aus uralten Zahnpastablagerungen. Archäologen dürften erstaunliche Entdeckungen machen. Würde man DNA-Proben entnehmen, könnte man mir mit Sicherheit sämtliche unaufgeklärte Verbrechen der letzten zwanzig Jahre anhängen.
Die Borsten selbst streben in alle nur denkbaren Richtungen auseinander und scheinen ständig auf der Flucht vor meinen Zähnen zu sein. Jedes Mal sage ich mir, daß es das letzte Mal sein wird, daß ich mit dieser Bakterienschleuder hantiere, und jedes Mal ist sie dann doch wieder dabei. Es hat alles keinen Sinn, wir gehören zusammen. Und mit meiner Zahnbürste habe ich inzwischen mehr erlebt als mit jedem anderen Menschen. Darauf sollte ich eigentlich stolz sein. Reinhold Messner hat vielleicht alle Achttausender in einem Jahr bestiegen, aber ich habe mir mit der gleichen Bürste zwanzig Jahre lang auf vier Kontinenten die Zähne geputzt. Und überlebt.

 

Es heißt, alle Menschen seien gleich, aber ihre Steckdosen sind es mit Sicherheit nicht. Spielend überwindet der Mensch Grenzen, Weltmeere und Verdauungsprobleme, den Strom bekommt er in England aber nur dann aus der Steckdose, wenn er einen entsprechenden Adapter besitzt. Und in Neuseeland, China, Albanien und Usbekistan braucht er wieder andere Aufsätze. Das dürfte übrigens der Grund sein, warum Außerirdische die Erde meiden, denn egal, wie intelligent diese Lebensformen sind, sie werden niemals genügend Adapter dabei haben, um sich überall auf der Welt rasieren zu können. Aber auch wir werden wahrscheinlich nie in der Lage sein, einen fremden Planeten zu besiedeln, weil uns die richtigen Adapter für Gliese 581 c fehlen. Trotz des internationalen Durcheinanders gibt es keine Vereinheitlichungstendenzen, denn jedes Land betrachtet sein Steckdosensystem als nationales Kulturerbe.
Um es noch interessanter zu machen, gibt es zudem verschiedene Stromspannungen. In Amerika und Japan kommen nur schlappe 110 Volt aus den Dosen, die dann mit Spannungsumwandler plus Adapter für deutsche Verhältnisse zurechtgerückt werden müssen. Vielleicht resultieren die sozialen Spannungen in den USA aus der geringen Stromspannung, wer weiß?
Alle Länder definieren ihre nationale Identität über Flagge und Hymne, aber außerdem auch über die individuellen Stecker. Die italienischen verfügen über drei parallele Stifte, wahrscheinlich ein Erbe des Kirchenstaats; die drei Stifte stehen dann wohl für die heilige Dreifaltigkeit. Oder sie symbolisieren die unüberwindliche Abwehrreihe der italienischen Fußball-Nationalmannschaft.
Der US-Stecker hat einen großen runden Stift und zwei kleinere flache Zungen – der Stift steht für den Präsidenten, die Zungen für Senat und Repräsentantenhaus. Die Australier haben zwei kleinere und eine größere Zunge. Warum? Australien war einst Sträflingsinsel, die große Zunge ist der Bewacher und die kleinen sind die Verbrecher. Selbst die Demokratische Republik Kongo (Hauptstadt Kinshasa) hat einen eigenen Stecker, der aber in der Republik Kongo (Hauptstadt: Brazzaville) auf der anderen Seite des Stroms nutzlos ist. Es handelt sich um einen großen Stift, dem zwei kleinere Stifte untergeordnet sind. Könnte eine mythologische Bedeutung haben, ist vielleicht aber nur ein Aufruf an alle Handwerker des Landes, mindestens zwei Lehrlinge auszubilden.

 

Hin und wieder passiert es, daß ich in einem Hotel Quartier beziehe und ein Zimmer in einer Art Nebengebäude zugewiesen bekomme. Natürlich stehen alle Einrichtungen des Haupthauses auch dem Nebengebäudebewohner zur Verfügung – man erreicht sie "bequem und problemlos über den Bademantelgang".
Als ich dieses Wort zum ersten Mal las, wurde mir ganz beklommen zumute. Trotzdem ließ ich mich von meiner sittlich nicht ganz gefestigten Partnerin überreden, den Gang als Abkürzung zum Speisesaal zu benutzen. Damit begannen die Probleme. Denn was trägt man in einem Bademantelgang? Natürlich einen Bademantel! Ich hatte aber vor, mein Abendessen in einem dunklen Anzug einzunehmen und nicht in einem unvorteilhaft geschnittenen weißen Frotteegewand mit der Aufschrift "Schloßhotel – Saunawelt".
Ich betrat also im Anzug den Bademantelgang, einen nach abgestandenen Sauna-Aufgußmitteln riechenden, spärlich beleuchteten Korridor. Ein älteres Ehepaar kam mir entgegen, in Bademantel und Badelatschen, beide rotgesichtig nach zehn Saunagängen. Sie grüßten freundlich und selbstbewußt, während ich vor Scham im Bademantelgangboden versinken wollte. Ich weiß bis heute nicht, ob ich over- oder underdressed war. Ich habe allerdings grundsätzlich ein gestörtes Verhältnis zum Bademantel.
Als Kind hatte ich ihn nur an, wenn ich krank war. Ich weiß, daß er ein praktisches und in den entlegendsten Wellneßbereichen der Welt vorkommendes Kleidungsstück ist. Doch es gibt kaum einen Menschen, der ihn mit Würde tragen kann. Das Frottee-Ungetüm erzeugt in mir sofort ein Gefühl, als habe es sich meines Körpers bemächtigt, als sei ich ein Gefangener des Bademantels geworden. In einem österreichischen Hotel mit entsprechendem Gang durften die Gäste sogar das Mittagessen im Bademantel einnehmen, was 85 Prozent auch ohne Hemmungen taten. Ein Anblick wie in der Rehaklinik. Warum haben die nicht im Bademantelgang zu Mittag gegessen? Die Menschheit besteht anscheinend aus zwei vollkommen unterschiedlichen Gruppen. Und deshalb sollte ein wirklich gutes Hotel immer zwei Gänge haben: einen für Gäste im Bademantel und einen für korrekt gekleidete Menschen.

 

Es ist immer aufregend, mit dem Flugzeug in der Fremde zu landen, doch die Aufregung läßt sich ins Unermeßliche steigern, wenn man dort auch noch ein Auto mietet. Meistens findet die Übergabe direkt am Flughafen statt, unter Bewachung von uniformierten Hostessen, die meinen Führerschein mit einer Mischung aus Ekel und Verachtung betrachten. Die Erklärung, daß der Schein drei 60-Grad-Wäschen überstehen mußte, nehmen sie eisig zur Kenntnis und übertragen ungerührt die drei noch lesbaren Zahlen in ihre Papiere. Doch immer häufiger muß man mit dem Flughafenbus 19 von Bahnsteig 39 zum Flughafenhotel fahren und an der Rezeption mit einer kichernden Auszubildenden die Übergabepapiere durcharbeiten.
Ich soll "here", "here" und "here", "oh and here please" unterschreiben und muß nur noch den Fahrstuhl in die Tiefgarage nehmen, durch eine blaue Tür gehen und durch zwei grüne Türen, die sich mit einem vierstelligen Code öffnen lassen, in den Leihwagenbereich vorstoßen, wo dann links hinten "you CZ" stünde. Am Zielfahrzeug angekommen, begreife ich erst fünf Minuten später, daß der Wagen keinen Zündschlüssel braucht, sondern daß ich den ganzen Schlüsselbund in eine vorbereitete Öffnung stopfen muß, und hätte ich noch ein Ticket dabei, würde sogar die Schranke am Ausgang aufgehen. An einem anderen Flughafen las ich im Mietvertrag, ich müsse im Terminal den Schildern zum Busbahnhof folgen, in den Warteraum gehen, und dann könne ich vom linken Telefon an der hinteren Wand eine kostenlose 36stellige Servicenummer wählen, und in etwa zehn Minuten käme ein Shuttle, um mich zu meinem Wagen zu shutteln. Nach zwanzig Minuten saß ich in einem heftig schaukelnden Lieferwagen, der mich über düstere Landstraßen fuhr und nach einer Stunde in einem noch düstereren Gewerbegebiet aussetzte, wo mir in einem kleinen, spärlich beleuchteten Container ein Chinese lächelnd die Wagenschlüssel aushändigte und mich dann mit einem Auto allein ließ, bei dem man das Steuer versehentlich rechts und die Schaltung links angebracht hatte, was die Menschen in England jedoch völlig normal fanden.

 

In meinem Keller lagern vier Paare, darunter eines, das sich für immer ineinander verknäult hat. Stets dankt der Hersteller, daß man sich für sein "problemlos zu montierendes Produkt" entschieden hat. Mein erstes Paar legte ich noch vor Reisebeginn im Wohnzimmer aus, um mich mit dem Material vertraut zu machen. Ich verband die roten Enden miteinander, die blauen, die gelben und schließlich die schwarzen, was prima klappte, denn es war ja kein Rad dazwischen. Zwei Tage später im dichten Schneetreiben im Schwarzwald lag ich weinend in einer Schneewehe, nachdem ich eine halbe Stunde lang versucht hatte, die Ketten in tiefer Finsternis über die Räder zu stülpen. Einmal war ich immerhin fünf Meter weit gekommen, bis es ein unangenehmes Geräusch gab und die Ketten rissen. Die Kinder verloren jeden Respekt vorm Vater, meine Frau suchte nach der Nummer des Scheidungsanwalts.
Da bäumte ich mich noch einmal auf, klemmte mich hinter das Steuer und fuhr den Berg voller Wut und ohne Schneeketten hoch. Alle paar Jahre kaufte ich mir neue Schneeketten wegen ihres neuartigen "Patentverschlusses". Im letzten Januar machte ich einen kapitalen Fehler: Ich ließ die Ketten zu Hause - und prompt war die Straße nach Arosa eingeschneit. Ich wanderte durchs Schneetreiben zur einzigen Tankstelle im Ort und erwarb für 150 Franken mein fünftes Paar. Als ich damit vor dem Auto stand, starrte ich mit tränenblinden Augen auf die vollkommen sinnlose Ansammlung von Kettengliedern und Verschlüssen, ein Sado-Maso-Set für Autofahrer. Mein Sohn übernahm zügig die Montage, sie war anscheinend kinderleicht, und wir konnten den fünfzig Meter langen Berg problemlos hochfahren. Weil die Hauptstraße komplett geräumt war, mußte mein Sohn die Schneeketten sofort wieder abmontieren, sonst hätten wir den Schweizer Boden beschädigt. Ich hatte also pro Meter Fahrt drei Franken gezahlt. Seitdem bin ich selbst im Hochsommer stets mit zwei Paar Schneeketten unterwegs - auch wenn ich nur zum Bäcker fahre.

 

Der Beitrag der Firma Falk zur Entwicklung und Förderung des Tourismus kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man darf, ohne zu übertreiben, sagen, daß viele Städte diesem Unternehmen erhebliche Einnahmezuwächse und ständig steigende Übernachtungszahlen verdanken. Der erste Falkplan erschien 1946, und schon im Jahre 1952 bot die Volkshochschule Hamburg einen Lehrgang an unter dem Titel "Grund- und Aufbaukursus für die richtige Handhabung eines merkwürdig gefalteten Stadtplans". Das Seminar dauerte insgesamt 52 Stunden.
Immer noch werden jedoch die meisten Menschen ziemlich unvorbereitet mit einem Falkplan konfrontiert. Die ersten drei Exemplare reißt man meistens völlig entnervt ein und macht sie damit unbrauchbar. Seit Jahrzehnten irren Touristen mit diesem aufklappbaren Kartenmaterial durch die Straßen von München, Berlin, Rom oder London und versuchen, den geheimnisvoll gefalzten Plan an der richtigen Stelle aufzuschlagen. Viele legen dann erst einmal eine Übernachtungspause ein, in deren Verlauf sie im Hotelzimmer den gesamten Plan entfalten und feststellen, daß es unmöglich ist, ihn wieder zusammenzufalten – jedenfalls nicht so, wie es sich der Hersteller gedacht hat. Häufig bitten sie dann wildfremde Menschen um Mithilfe, und auf diese Art sind schon sehr viele Ehen entstanden.
Die Benutzung eines Falkplans erhöht die Aufenthaltsdauer in einer Stadt um etwa hundertzwanzig Prozent. Davon profitieren das Hotel- und Gaststättengewerbe, aber auch Andenkenhersteller und Boutiquen, in denen gerne Frustkäufe wegen gescheiterter Auffaltversuche getätigt werden. Manchmal mieten erfolglose Falkplanauffalter auch eine Wohnung oder kaufen ein Haus, um von dort Falz für Falz die Stadt zu erkunden. Inzwischen bietet die Firma Falk immer öfter herkömmlich gefaltete Stadtpläne an, wogegen die UNESCO Einspruch erhoben hat, denn der Falkplan mit patentierter Spezialfalzung gehört längst zum Weltkulturerbe. Inzwischen haben viele Städte die Falzknicke deutlich sichtbar auf Straßen und Bürgersteigen markiert, damit man weiß, wann man sich in einem neuen Kartensegment befindet und umblättern muß.

 

Wissenschaftler sind sich nicht einig, was zuerst da war: das Buch oder der Urlaub. Hat der Mensch das Buch erfunden, damit er endlich etwas Sinnvolles mit seinem Urlaub anfangen konnte, oder hat er den Urlaub erfunden, damit er endlich Zeit fand, die ganzen Bücher zu lesen, die sich das Jahr über auf seinem Nachttisch angehäuft hatten?
Grundsätzlich kann man feststellen, der Mensch braucht immer mehr Urlaub, denn es gibt immer mehr Bücher, und sie werden immer dicker, weshalb man bald einen zusätzlichen Buchkoffer braucht. Tatsächlich werden 95 Prozent aller belletristischen Werke nur geschrieben, damit man im Urlaub genug Lektüre hat. Joanne K. Rowling verfaßte die siebenbändigen Harry-Potter-Abenteuer hauptsächlich für Menschen, die wochenlang wegen eines Streiks im Urlaubsland festsitzen. Stephen King schrieb seine neueste Horrorerzählung für Passagiere von Billigfliegern; und obwohl er den Strand von El Arenal gar nicht kannte, schrieb Franz Kafka die dazu passende Erzählung "In der Strafkolonie". Manche Schriftsteller machten auch ganz bewußt Werbung für bestimmte Urlaubsziele. Thomas Mann schrieb den "Zauberberg" und bekam dafür auf Lebenszeit einen kostenlosen Skipaß für Davos. Für die "Buddenbrooks" durfte er fünf Jahre lang kostenlos in Lübeck mit Bus und Straßenbahn fahren.
Je mehr Bücher man mitnimmt, um so besser ist das Wetter am Ferienort und um so weniger kommt man zum Lesen. Wichtig ist vor allem, die Bücher nicht wieder mit nach Hause zu nehmen. Auf diese Weise entstehen überall auf der Welt bemerkenswerte Bibliotheken. Diese Buchasyle enthalten nur Werke, die von ihren Vorbesitzern aus den verschiedensten Gründen zurückgelassen wurden: Man brauchte Platz im Koffer für das süße Top aus der Hotel-Boutique, und deshalb mußte Peter Handke auf den Seychellen bleiben. Oder man hat mit dem Wanderbuch von Hape Kerkeling zu viele Mücken erschlagen, deshalb bleibt das fleckige Exemplar in der Allinclusive-Anlage in der Dominikanischen Republik. Den Hund bindet man an der Raststätte an, und den Krimi läßt man in der Pension Edelweiß zurück. Wenn der Hund treue Augen hat, findet er schnell ein neues Herrchen, und wenn den Gast große Langeweile plagt, wird auch der verlassene Roman über Fruchtbarkeitsrituale von Eunuchen im frühgeschichtlichen Nepal aus der Hotelbibliothek adoptiert. Die Verlagsbranche denkt schon länger darüber nach, einen Preis für das zurückgelassenste Buch des Jahres auszuloben.

 

Die meisten Menschen lehnen es ab, bei intimen Aktivitäten beobachtet zu werden. Aber kaum jemand scheut sich, seinen Körper im hoteleigenen, komplett verglasten Fitneßraum zur Schau zu stellen. Zwar nicht unverhüllt, dafür aber in Kleidung, die aus weltraumgetesteten Fasern besteht, auf denen man bestimmt auch ein Spiegelei braten könnte, ohne daß es ansetzt.
Dieses atmungsaktive Teflon transportiert den Schweiß nach draußen, dorthin, wo oft noch zehn andere Schweißtransporteure auf Laufbändern unterwegs sind, ohne jemals irgendwo anzukommen. Die Fitneßraumfahrer atmen also ein stark schweißangereichertes Luftgemisch ein, das zu viel Salz enthält und garantiert schlecht für den Blutdruck ist. Und die Kleidung wird fast nur in Farben hergestellt, die eine Beleidigungsklage provozieren.
Eine weitere Belästigung stellt das Hosenrascheln dar, das entsteht, wenn der Stoff bewegt wird, was sich in Fitneßräumen nicht vermeiden läßt. Viele Gäste rascheln in dieser Kleidung sogar durch Hotelflure und lassen dabei vergnügt ihre Adilette gegen die Fußsohle knallen. Wie schon gesagt, die meisten Menschen wären keinesfalls bereit, sich für Geld auf dem Rummelplatz als Dame ohne Unterleib oder als Mann mit zwei Köpfen zu präsentieren.
Im Fitneßraum gibt es noch nicht mal Geld, und trotzdem zeigen sie sich in der Beinpresse, stellen auf der Vibrationsplatte eine Schüttelfrostattacke nach, paddeln in Rudergeräten durch unsichtbare Schweißbäche, legen sich in fragwürdiger Stellung auf Hantelbänke und überprüfen dabei unablässig Herzschlag, Blutdruck, Harndrang, Kontostand und den Cholesterinspiegel. Über Lautsprecher wird die schweißgetränkte Luft mit dem menschenverachtenden Programm von Sendern angereichert, deren Name meistens mit Antenne beginnt. Im Takt der Folterkammermusik murmeln dann manche Zahlen vor sich hin - wahrscheinlich um irgendeine Hirntätigkeit vorzutäuschen.

 

Jeder Mensch hat zu Hause eine Schachtel oder eine Dose oder irgendeinen anderen Behälter, in dem er fremdes Geld aufbewahrt, denn kaum jemand schafft es, alles im Souvenirshop am Flughafen loszuwerden. Da kann man in Windhoek noch so viel getrocknetes Zebra kaufen, die Namibian Dollars wollen nicht alle werden. Auch nicht nach dem Kauf von vier Metallelefanten, die als Tischdeckenbeschwerer arbeiten können.
Der Besitz von fremdem Geld beeinflußt das Reiseverhalten. Vor kurzem fand ich in einem eigentlich schon stillgelegten Portemonnaie 35 Dollar und dachte unwillkürlich: Man müßte mal wieder in die USA fahren. Die Wahl unseres Wintersportortes wurde in diesem Jahr vor allem dadurch bestimmt, daß ich von einer beruflichen Reise noch 80 Franken übrigbehalten hatte.
Die Schweiz ist ein gefährdetes Währungsgebiet. Während ausländisches Geld sicher auf Schweizer Nummernkonten lagert, haben Ausländer wie ich im Gegenzug Schweizer Münzen und Scheine in bedrohlicher Menge in ihrem Besitz. Das ist auch der Grund, warum in der Schweiz alles so unglaublich teuer ist: Man will möglichst viel Geld im Land behalten und nicht in die Fremdwährungssammelbehälter ausländischer Touristen entkommen lassen. Bei einem beliebten Urlaubsland wie Frankreich führte die ständige Franc-Mitnahme irgendwann zu echten Kleingeldengpässen. Kein Wunder, daß die Franzosen den Euro herbeisehnten.
Der Euro stellt allerdings für den europäischen Touristen ein ernstes Problem dar, denn durch ihn wurden seine Lire-, Franc- und Peseten-Lagerbestände wertlos und überflüssig. Und nebenbei ging das Gefühl verloren, im Ausland zu sein. Man kann jetzt bis Granada fahren und im Schatten der Alhambra immer noch mit dem gleichen Geld bezahlen wie beim Metzger in Harsewinkel. Seit Einführung des Euro weiß man auch, was die Schuhe aus Mailand wirklich kosten, und kann sich den Kurs nicht mehr schönrechnen. Der Euro ist ein Angriff auf das Weltkulturerbe Fremdwährung. Eine richtige Auslandsreise beginnt schließlich erst, wenn man die ausländische Währung vier Wochen im Voraus bestellen muß und dann für 200 Euro einen Packen bunt bedruckter Papierschnipsel erhält, von denen sinistre Diktatoren und semidebile Monarchen einen dämonisch grinsend anstarren, weil sie wissen, daß man mit dem Wechselkurs von 1:43,2 niemals zurechtkommen wird.

 

Vor kurzem stand ich mit hängenden Schultern am Stehtisch einer Industrieteigerhitzungsanlage eines deutschen Bahnhofs und verzehrte ein Käseschinkencroissant, als plötzlich die Erkennungsmusik einer Geheimagentenserie ertönte. Mein Körper straffte sich, ich bekam einen harten, entschlossenen Zug um die Mundwinkel, fixierte den rumänischen Spion, der sich unbeholfen hinter einem Käseplunder zu verbergen suchte, packte den Griff meines Rollkoffers und strebte mit festen Schritten dem Regionalexpreß nach Gifhorn zu. In diesem Augenblick waren fast nur Geheimagenten im Bahnhofsgebiet unterwegs, jedenfalls soweit die Beschallung mit dem "Mission Impossible"-Thema reichte.
Wohin ich auch komme, mein Auftritt wird permanent mit Musik unterlegt. Leider ist es nicht immer "Mission Impossible". Die trübsinnigsten Klänge, die man sich vorstellen kann, laufen morgens in den Frühstücksräumen von Hotels. Es ist diese Art von Musik, wie sie in deutsch-französischen Problemfilmen mit polnischen Untertiteln verwendet wird.
Kaum sitze ich am Tisch, befällt mich eine große Bedrückung. Automatisch werde ich zu einem Mann, der ein großes, finsteres Geheimnis mit sich herumträgt. Schwermütig werden im Hintergrund die Geigen gestrichen, und noch viel schwermütiger streiche ich die Marmelade auf mein Brötchen, während ich die Todesanzeigen in der örtlichen Tageszeitung studiere. Je kleiner das Hotel, um so trauriger übrigens die Musik.
Man kann der Musik nicht entrinnen, sie ist überall und will einen permanent in Stimmungen versetzen, in denen man sich gar nicht befindet. Mein Zahnarzt läßt immer einen hessischen Krawallsender laufen, während er meine Zahnwurzeln behandelt. Ich bin natürlich nur Kassenpatient, Privatversicherte bekommen wahrscheinlich Deutschlandradio Kultur zu hören.
In Flugzeugen sogenannter Billigflieger wird tatsächlich nur die billigste Musik gespielt, in Gaststätten wird der Soundtrack gern vom schlecht tätowierten Personal zusammengestellt, und ich habe bisher noch nicht herausgefunden, welche Art von Gespräch am besten zu DJ Bobo oder Gwen Stefani paßt. Abends in den Hotelbars der Welt wird die Musik sogar live von einem depressiven Pianisten erzeugt, und das klingt naturgemäß ziemlich melancholisch. Sehr schnell entsteht eine Stimmung, in der man fremden Frauen unbedingt etwas gestehen möchte, wenn man nur wüßte, was? Daß man Krebs im Endstadium hat? Daß man taub ist? Oder daß man den Pianisten gleich in einer Wanne voller Salzsäure auflösen wird?

 

Sobald ich ein Hotelzimmer betrete, wird mir schwarz vor Augen und zwar druckerschwarz. An keinem anderen Ort lauert eine derartige Flut von Informationen, Anweisungen und Empfehlungen. Das Hotelzimmer scheint ein Testlabor von Verhaltensforschern zu sein.
Der erste Test dreht sich um die Frage, ob die Flasche Wasser ein Geschenk des Hauses oder ein gebührenpflichtiger Vorposten der Minibar ist, was man aus Umschreibungen wie "Zu Ihrer Erfrischung" schließen muß. Schreib- und Nachttische sind übersät mit speisekartenähnlichen Aufstellern, die einen darüber in Kenntnis setzen, daß der Internetzugang gebührenpflichtig ist, daß man sich massieren lassen könnte oder daß die merkwürdigen Bilder von einem Künstler stammen, der noch weitaus mehr merkwürdige Bilder gemalt hat.
Einem anderen Zettel entnehme ich, daß dies ein Nichtraucherzimmer ist, wenn ich aber doch rauchen müsse, solle ich den Aschenbecher nutzen. Im Badezimmer weist man mich schriftlich darauf hin, daß die Bademäntel zu meiner Bequemlichkeit bereitgelegt wurden. Das beruhigt natürlich ungemein, ich hatte schon befürchtet, die seien zu meinem Mißvergnügen da. Wenn mir der Mantel gefällt, kann ich ihn zum Preis von 39,90 Euro erwerben. Klingt, als sei ich in Hotelkreisen als notorischer Bademantelentwender bekannt. Um den Safe zu benutzen, muß man eine längere Erklärung verstehen, und trotzdem paßt der Laptop nicht rein.
Irgendwo liegt neben der 20seitigen allgemeinen Zimmer-Gebrauchsanweisung ein Stapel Zeitschriften herum. Sie werden ausschließlich für das Herumlungern in Hotelzimmern hergestellt, tragen Namen wie "Elegance & Style", was so viel heißt wie "Unnützes Gelumpe" zu überhöhten Preisen, und wären außerhalb nicht lebensfähig.
Ein Kärtchen hat Danica hinterlassen, die das Zimmer aufgeräumt hat, und abends liegt noch eine vierseitige Umfrage zur Kundenzufriedenheit auf dem Kopfkissen. Nach dieser Textüberdosis wagt man nicht mehr, ein Buch aufzuschlagen. Beim nächsten Hotelbesuch werde ich um ein Analphabetenzimmer bitten. Denn neben textil-freien Stränden sollte es unbedingt textfreie Räume geben.

 

Die Ansichtskarte, dieses große kulturelle Erbe, ist gefährdet. Genau wie der Diavortrag steht sie auf der Roten Liste der bedrohten Urlaubs-Unarten. Dabei ist sie eigentlich die überlegene Lebensform. Fotografische Erinnerungen auf Festplatten und Datenträgern sind von Abstürzen, Viren und der Auslöschung bedroht. Die Ansichtskarte verblaßt vielleicht ein wenig und nimmt beim Sammeln Raum ein, aber sie bleibt. Früher war man nur dann wirklich weg gewesen, wenn man 20 Karten verschickt hatte. Dafür brauchte man ein Adreßbüchlein und mußte wenigstens einen Satz von Hand schreiben können.
Voraussetzungen, die es jüngeren Reisenden unmöglich machen, eine Ansichtskarte korrekt zu benutzen. Zwar gibt es längst Vordrucke, aber um sie zu verschicken, braucht man zumindest die Anschrift. Tatsächlich gehen die Menschen lieber in ein Internetcafé in Ulan Bator, als eine schöne Ansicht aus der Inneren Mongolei zu beschriften. Jeder freut sich über Ansichtskarten, selbst wenn sie aus Bad Orb kommen.
Eine Rundmail mit 500 Fotos im Anhang kann dagegen Freundschaften schnell beenden. Ansichtskarten sehen immer öfter so aus, als ob sie alle in demselben chinesischen Photoshop hergestellt wurden, jedenfalls scheint es auf der Welt nur noch eine Art von Himmel zu geben: superblau! In Ländern wie Kasachstan hält man es nicht mehr für nötig, Ansichtskarten herzustellen, so daß man nicht mal das beliebte Motiv "Astana bei Nacht" erwerben kann. Vergebens sucht man auf modernen Postkarten Abbildungen von bemerkenswerten Bauwerken wie einer rührend mißratenen Mehrzweckhalle oder dem Zentralen Busbahnhof. Dabei vermitteln sie das beruhigende Gefühl, daß überall unfähige Stadtplaner am Werk sind. Schließlich verreist man ja, um mit der Erkenntnis heimzukehren, daß es zu Hause doch am schönsten ist. Ein Ansichtskartenrettungsprogramm ist nötig.
An den Grundschulen sollte es Ansichtskartenschreibunterricht geben und an Urlaubsorten bezahlte Schreiber, die für die modernen Analphabeten Karten ausfüllen, frankieren und in den Briefkasten werfen.